von Andrea Fleischhauer
Geht ihr auch manchmal durch einen der zahlreichen Schnäppchenshops und überlegt, ob ihr noch schnell eine Plastikdose für euren Haushalt, ein paar Bastel-oder Dekowaren oder ein Geschenk für ein Kind kaufen sollt, also Dinge, die in diesen sogenannten Non-Food-Discountern wesentlich günstiger angeboten werden als im Fachhandel?
Da seid ihr nicht die Einzigen! Sonst würden in Deutschland und mittlerweile auch in 15 europäischen Ländern nicht jede Woche 3 neue Filialen aus dem Boden schießen. Bei uns gibt es aktuell 350 Euroshops des Großhändlers Schum, 750 Woolworth-Läden und 1.900 TEDi-Filialen, deren Warenpalette sich aus Gebrauchsgegenständen für den täglichen Bedarf sowie aus ständig wechselnden saisonalen Artikeln zusammensetzt. Bis zu 10.000 Produkte stapeln sich in den Verkaufsregalen.
Aber wie können beispielsweise 100 Wegwerfbecher aus Plastik für nur einen Euro angeboten werden? Welche Unternehmensstrategie steckt dahinter? Woher kommen all diese Waren? Wer sind bei einer derart aggressiven Preispolitik die Gewinner, wer die Verlierer?
Das Geschäft mit dem Ramsch
Die H.H. Holding GmbH mit Sitz in Dortmund ist die Dachgesellschaft für die Unternehmen TEDi, KiK und Woolworth. Sie gehört der Tengelmann-Eigentümerfamilie Haub zu einem Drittel und dem Gründer und Geschäftsführer von KiK Jost-Stefan Heinig zu 65%. 2024 erzielte die H.H. Holding einen Umsatz von mehr als 6,5 Milliarden Euro, wovon TEDi mit drei, Woolworth mit einer und KiK mit 2,5 Milliarden Euro zu Buche schlugen. Während derzeit viele Geschäfte in den Innenstädten schließen müssen, trotzen TEDi und Co. der Kaufflaute. Das Geschäft mit dem Ramsch lohnt sich offensichtlich. Die Formel, auf die solche Unternehmen setzen, lautet „je mehr, desto günstiger“. Den Warenherstellern werden gigantische Stückzahlen zu einem günstigen Preis abgenommen. Um solch enorme Mengen verkaufen zu können, braucht es natürlich ein riesiges Filialnetz. Die H.H. Holding ist also der absolute Gewinner bei Märkten im Niedrigpreissektor.
Herkunft der Billigwaren und ihre Entsorgung
Ein kleiner Teil der Billigprodukte stammt aus Rest-oder Sonderposten anderer Discounter, zum Beispiel aus den großen Beständen der Non-Food-Abteilungen von Lidl oder Aldi, die selbst nach Preisreduzierungen unverkauft bleiben. Der größte Teil der Produkte wird jedoch direkt aus China importiert. Nicht verkaufte Waren werden an Restpostenhändler weiterverkauft, in Drittländer exportiert oder an einen Recyclingkreislauf übergeben, der sie zu Putzlappen oder Füllmaterial verarbeitet. Einige Non-Food-Discounter arbeiten mit gemeinnützigen Organisationen zusammen und spenden ihre nicht verkauften Waren. Der Mammutanteil unverkaufter Ware wird jedoch auf Deponien entsorgt oder als Restmüll verbrannt.
Risiken für Verbraucher
Mittlerweile hat es sich herumgesprochen, dass Waren aus China nicht von bester Qualität sind, manche sind sogar schlichtweg gesundheitsgefährdend. Nicht alle chinesischen Produkte werden einer umfassenden Schadstoffanalyse unterzogen. Stattdessen gibt es Stichprobenkontrolle und spezifische Prüfungen für bestimmte Produkte.
So gab es bei TEDi und Co. in den letzten 10 Jahren zahlreiche Berichte über Rückrufe, wie man auf der Internetseite www.produktwarnung.eu lesen kann. Da wird unter anderem von Trinkgläsern berichtet, aus welchen sich krebserzeugende PAKs (polyzyklische aromatische Kohlenwasserstoffe) lösen, von erhöhten Nickelwerten bei Schmuck, von Cadmium und Blei in Gläsern und Kugelschreibern. Kochutensilien enthielten die Brustkrebsrisiko erhöhenden und Nieren schädigenden PAAs (primäre aromatische Amine) und bei USB-Ladesteckern und Wasserkochern zeigten sich gefährliche Sicherheitsprobleme. Sogar bei Produkten für Kinder fand man Keime in Seifenblasenflüssigkeit, verbotene Weichmacher (Phthalate) in Puppenkörpern und Kunststoff-Clogs sowie jede Menge verschluckbarer Kleinteile in Kinderspielzeug. Und das sind nur einige Beispiele.
Arbeitsbedingungen - Die ethische Schattenseite
Abgesehen von den gesundheitlichen Gefahren chinesischer Produkte herrschen in China menschenverachtende Produktionsbedingungen bei der Warenherstellung für TEDi & Co. Recherchen der ZDFzoom-Reihe ergaben, dass Arbeiter teilweise nur 190 Euro pro Monat verdienen, im Schnitt 140 unbezahlte Überstunden leisten müssen, ohne Schutzkleidung giftigen Stoffen ausgesetzt sind und teilweise sogar geschlagen werden.
Auch hier bei uns leiden die Angestellten unter hoher Arbeitsbelastung und Lohn-Dumping. „Rückkehr der Lohnsklaverei", befand das Fernsehmagazin Panorama. Die Angestellten arbeiten am Limit, oft mit einem 12-Stundentag und einer 6-Tagewoche. 20 bis 30 unvergütete Überstunden werden von vornherein erwartet und unbezahlte nächtliche Inventuren durchgeführt. Der Mindestlohn wird unterschritten und die Bildung von Betriebsräten selbstredend unterbunden. Zudem liest man von psychischer Zermürbung und Bespitzelung der Mitarbeiter. Etwa 50% des Personals liefert das Job-Unternehmen Personal International, das Billigarbeiter aus Osteuropa vermittelt, die, wenn überhaupt, weit unter Tarif bezahlt und unter menschenunwürdigen Bedingungen untergebracht werden.
Fazit - Wir Kunden und das Personal von Schnäppchenmärkten können durchaus als Verlierer im lukrativen Geschäft mit dem Ramsch bezeichnet werden. Der größte Verlierer ist jedoch wie so oft unsere Umwelt.
Der ökologische Aspekt
In ökologischer Sicht sind Billigshops überwiegend negativ zu beurteilen. Der hohe Plastikverbrauch ist aufgrund der Rohstoffgewinnung und der langlebigen Abfallproblematik sehr umweltschädlich. Viele Produkte werden aus Asien importiert, was zu einer erheblichen Umweltbelastung durch lange und energieintensive Transportwege führt. Die steigende Nachfrage nach günstigen Produkten führt zu einem verstärkten Abbau von Rohstoffen und einem erhöhten Energieverbrauch in der Produktion. Folgen des Klimawandels, schwindende Biodiversität, Meere voll Mikroplastik und der weltweite Earth Overshoot Day, der 2025 am 24. Juli stattfand und den Zeitpunkt markiert, an dem die Menschheit alle natürlichen Ressourcen aufgebraucht hat, die die Erde in einem gesamten Jahr regenerieren kann, spielen offensichtlich keine Rolle für die Unternehmen.
Nicht zuletzt wird die Wegwerfkultur unterstützt, bei der minderwertige Produkte schnell konsumiert und weggeworfen werden, anstatt sie länger zu nutzen. Wir vom Repair Café Menzing sowie die zahlreichen anderen Repair Cafés, die stetig wachsende Sharing Economy sowie der Trend zu Second Hand leisten einen kleinen Beitrag, dieser Entwicklung entgegen zu steuern und das Bewusstsein für unser Kaufverhalten zu schärfen.
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